Auf einen Welpen freut man sich oft wochen- oder monatelang. Man sucht den Züchter aus, wartet auf den Wurf, verfolgt die Entwicklung und irgendwann ist der große Tag da: Der Hund zieht ein.
Und dann beginnt etwas, das in der Vorstellung meistens deutlich geordneter aussah.
Ein Welpe kennt unseren Tagesablauf nicht. Er weiß nicht, wann wir schlafen möchten, wo er sich lösen soll, was im Haushalt tabu ist oder warum man nicht jede Minute Aufmerksamkeit bekommen kann. Vielleicht schläft er nachts schlecht, vielleicht wir. Vielleicht klappt vieles erstaunlich schnell. Vielleicht auch überhaupt nicht.
Das ist kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft. Es ist der Anfang eines gemeinsamen Alltags.
Worauf es am Anfang wirklich ankommt
Wenn ein Hund neu einzieht, muss nicht vom ersten Tag an alles funktionieren. Für ihn beginnt ein völlig neues Leben: andere Menschen, andere Räume, andere Geräusche, andere Abläufe.
Auch wenn ein Welpe natürlich schnell lernen soll, was zu seinem neuen Alltag gehört, braucht er zunächst eines: die Gelegenheit anzukommen und seine Menschen kennenzulernen.
Erst einmal kennenlernen
Jeder Welpe bringt seine eigene Persönlichkeit mit. Der eine marschiert vom ersten Tag an durchs Leben, als hätte er schon immer dort gewohnt. Ein anderer braucht Zeit, um neue Situationen einzuordnen. Manche sind schnell aufgeregt, andere beobachten erst einmal. Einer sucht ständig Nähe, der nächste möchte zwischendurch seine Ruhe.
Deshalb gibt es keinen Plan, der bei jedem Hund identisch funktioniert.
Natürlich braucht ein Welpe Orientierung und Regeln. Aber bevor wir sinnvoll mit ihm arbeiten können, müssen wir auch herausfinden, wen wir da eigentlich vor uns haben.
Was macht ihm Freude? Was verunsichert ihn? Wie reagiert er auf Neues? Wann wird er müde? Wann dreht er erst richtig auf? Und wie deutlich müssen wir ihm etwas erklären, damit es bei genau diesem Hund ankommt?
Der Welpe lernt uns kennen. Wir lernen ihn kennen. Beides gehört zusammen.
Die ersten Tage sind kein Trainingsprogramm
Natürlich beginnt Erziehung vom ersten Tag an. Aber das bedeutet nicht, dass in den ersten Tagen bereits jedes Kommando, das Alleinbleiben, Leinenführigkeit und sämtliche Regeln gleichzeitig funktionieren müssen.
Sicherheit, verlässliche Abläufe und Orientierung sind zunächst wichtiger als ein volles Trainingsprogramm. Manche Dinge kann man von Anfang an ruhig anbahnen, anderes darf warten, bis der Hund angekommen ist und man einander besser kennt.
Wenn „alles richtig machen“ zu viel wird
Ich erinnere mich an einen Welpenkäufer, der wirklich alles richtig machen wollte. Der Welpe war gerade einmal zehn Wochen alt und sollte möglichst früh möglichst viel kennenlernen. Dazu gehörte unter anderem ein längerer Weg an einer großen Berliner Straße und eines Nachts sogar eine Fahrt zum Flughafen, um die zurückkehrende Ehefrau abzuholen.
Der kleine Hund war anschließend völlig überfordert. Spät am Abend kam der Anruf mit der Frage, was nun zu tun sei. Meine erste Empfehlung war ganz einfach: raus aus der Situation, ins Auto und erst einmal Ruhe.
Das Problem war nicht mangelndes Bemühen, sondern eher das Gegenteil. Aus dem Wunsch, den Hund optimal vorzubereiten, wurde zu viel auf einmal. Gerade ein Welpe muss neue Eindrücke auch verarbeiten können. Sozialisierung bedeutet nicht, möglichst viele Erfahrungen in möglichst kurzer Zeit zu sammeln.
Später wurde aus diesem Welpen ein guter, ausgeglichener Hund. Der Weg dorthin war allerdings deutlich mühsamer, als er vielleicht hätte sein müssen.
Nicht alles auf einmal. Ein Welpe braucht nicht nur Erfahrungen, sondern auch Zeit, sie zu verarbeiten.
Aus eigener Erfahrung
Auf meine erste Parson-Hündin Hazel hatte ich lange gewartet. Als sie 1999 endlich bei mir einzog, war die Freude groß.
Eine Woche später war ich so müde, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, sie wieder abzugeben.
Ich wohnte damals im dritten Stock in Berlin-Neukölln und stand im November ungefähr zweimal pro Nacht mit Hund und Bademantel im Hinterhof. Tagsüber arbeitete ich im Büro. Hazel durfte glücklicherweise mitkommen, aber am Ende dieser ersten Woche war ich einfach fertig.
Eine Freundin nahm sie für eine Nacht zu sich. Ich konnte einmal durchschlafen und am nächsten Morgen sah die Welt wieder anders aus.

Nicht der Hund hatte sich verändert. Ich hatte schlicht meine Belastungsgrenze erreicht.
Danach haben wir uns miteinander durch diese erste Zeit gearbeitet. Hazel wurde später für mich ein Traumhund. Aber auch ein lange ersehnter Hund kommt eben nicht fertig als Traumhund zur Tür herein.
Das alte Foto nach einer Welpenstunde erzählt es eigentlich ganz gut: Hazel war noch fit. Ich eher nicht.
Alleinbleiben ist kein Schalter
Gerade das Alleinbleiben wird häufig unterschätzt. Ein Welpe kann nicht automatisch nach wenigen Tagen für längere Zeit allein bleiben, nur weil der normale Arbeitsalltag wieder beginnen soll.
Auch das muss gelernt und aufgebaut werden.
Wie unterschiedlich lange das dauern kann, erleben wir gerade selbst mit einer jungen Hündin. Wir haben fast ein Jahr gebraucht, bis sie für begrenzte Zeit wirklich allein bleiben konnte. In dieser Zeit haben wir kleinschrittig geübt, beobachtet, was sie schon bewältigen kann, und den Alltag immer wieder angepasst. Zeitweise bedeutete das auch, Räume weitgehend leerzuräumen, weil alles Erreichbare interessant wurde. Erst jetzt sind ein oder zwei Stunden überhaupt realistisch.
Ein Jahr ist sicherlich nicht die Regel. Aber es zeigt, warum feste Angaben wie „nach zwei Wochen kann ein Welpe allein bleiben“ wenig hilfreich sind. Der Hund gibt das Tempo mit vor.
Dasselbe gilt für viele andere Dinge des täglichen Lebens: Erfahrung entsteht durch Erfahrung.
Und irgendwann wird vieles selbstverständlich
Was in den ersten Wochen noch den ganzen Tagesablauf bestimmt, läuft später häufig nebenbei.
Der Hund schläft nachts. Er weiß, wo die Tür ist, wenn er hinausmuss. Er kennt die Regeln des Hauses, kann warten, zur Ruhe kommen und versteht immer besser, was seine Menschen von ihm erwarten.
Das passiert nicht deshalb, weil irgendwann ein Schalter umgelegt wurde.
Es entsteht aus vielen kleinen Wiederholungen, gemeinsamen Erfahrungen, klaren Grenzen, Erfolgserlebnissen und gelegentlich auch daraus, dass etwas beim ersten, zweiten oder fünften Versuch noch nicht klappt.
Zusammenleben muss wachsen.
Und manchmal besteht die wichtigste Erziehungsmaßnahme der ersten Woche schlicht darin, den Welpen ankommen zu lassen, genug Humor zu behalten und irgendwann wieder eine Nacht durchzuschlafen.