Zucht & Zeitgeschmack
Wie Vorlieben eine Rasse verändern können
Wer einen Parson Russell Terrier sucht, hat häufig schon ein bestimmtes Bild im Kopf. Oft ist es ein Hund, der besonders gefallen hat und im Gedächtnis geblieben ist. Umso überraschender ist es, wie viele unterschiedliche Erscheinungsformen es innerhalb des Rassestandards gibt. Was auf den ersten Blick als typisch erscheint, ist meist nur eine davon.
BEOBACHTUNGEN AUS ÜBER 26 JAHREN
Eine Rasse viele Gesichter
Dieses Bild hat sich im Laufe der Jahre verändert. Tricolorfarbene Parson sind heute weit verbreitet und gehören selbstverständlich zum Erscheinungsbild der Rasse. Schwarz-weiße Hunde waren dagegen lange deutlich seltener zu sehen, obwohl auch sie zur Rasse gehören.
Die Vielfalt zeigt sich jedoch nicht nur in der Farbe, sondern auch in der Haarstruktur. Beides fällt sofort ins Auge und prägt den Eindruck, den wir von einem Hund gewinnen. Gerade deshalb lässt sich am Fell besonders gut beobachten, wie die Vorstellung vom typischen Parson entsteht und welchen Einfluss sie auf die Zucht haben kann.
Zur Einordnung
Was wir sehen, prägt unsere Vorstellung.
Käuferwünsche, Richterentscheidungen und züchterische Vorlieben können sich gegenseitig verstärken. Dafür braucht es keinen gemeinsamen Beschluss. Was häufiger gezeigt und gezüchtet wird, prägt zunehmend das Bild einer Rasse. Andere Typen geraten allmählich aus dem Blick. Wer sie nie kennengelernt hat, vermisst sie auch nicht.
Manche Menschen möchten mit ihrem Parson arbeiten, ob jagdlich oder im Hundesport, ist erstmal egal, erwartet wird eine hohe Arbeitsfreude. Andere wünschen sich vor allem einen hübschen, handlichen Begleiter, der sich gut in ihren Alltag einfügt. Auch solche Erwartungen beeinflussen die Zuchtauswahl. Wo früher die Eignung für die Arbeit im Vordergrund stand, wird heute vielfach stärker auf Verträglichkeit und Gesellschaftsfähigkeit geachtet.
Dabei bedeutet „nicht jagdlich geführt“ keineswegs „ohne Jagdtrieb“. Über Generationen gefestigte Anlagen verschwinden nicht, weil sie im heutigen Alltag weniger erwünscht sind. Einen Parson ohne Jagdtrieb kann niemand versprechen.
Käuferwünsche
Was gefällt, wird häufiger gezüchtet
Rauhaarige Parson sprechen viele Käufer besonders an, als Welpen ebenso wie als erwachsene Hunde. In Gesprächen habe ich häufig gehört, dass Menschen mit dem glatthaarigen Typ wenig anfangen konnten, weil sie die Hunde mit Bart und üppigerem Fell einfach niedlicher fanden. Solche Vorlieben beeinflussen die Nachfrage und damit auch die Zucht.
Welche Eigenschaften besonders wichtig sind, hängt auch davon ab, was Menschen mit ihrem Hund vorhaben. Wer einen Begleiter für die Familie sucht, achtet darauf, wie er ins eigene Leben passt. Aussehen und die Erwartung eines verträglichen, unkomplizierten Zusammenlebens spielen dabei eine große Rolle. Wer mit seinem Hund arbeiten möchte, setzt andere Schwerpunkte: Arbeitsanlagen, Belastbarkeit und ein für die Aufgabe geeigneter Körperbau stehen im Vordergrund. Auch dieser Hund darf und soll gefallen und dem Rassestandard entsprechen. Seine Eignung bemisst sich jedoch vor allem daran, ob er seine Aufgabe erfüllen kann. Hier gilt der alte Grundsatz „Form follows function“.
Wenn Seltenes begehrt wird
Auch eine seltene Farbe kann Wünsche wecken. Schwarz-weiße Parson waren nach meiner Beobachtung lange deutlich seltener zu sehen. Gerade das machte sie für manche Interessenten besonders begehrenswert. Heute begegnen mir wesentlich mehr Hunde dieser Farbvariante.
Auch bei der Suche nach einem Deckrüden oder einer künftigen Zuchthündin wird mitunter gezielt nach Schwarz-Weiß Ausschau gehalten. Die Farbe gehört zur vorhandenen Vielfalt der Rasse. Wie häufig sie vertreten ist, wird jedoch auch davon beeinflusst, welchen Hunden bei der Zuchtauswahl der Vorzug gegeben wird.
ZUCHTRICHTER UND ZÜCHTER
Was im Ring überzeugt, wirkt in die Zucht
Zuchtrichter beurteilen die Hunde anhand des Rassestandards. Dieser lässt jedoch Interpretationsspielraum, und auch persönliche Vorlieben spielen bei der Bewertung eine Rolle. In den vielen Jahren mit meinen Hunden habe ich erlebt, wie unterschiedlich derselbe Hund beurteilt werden kann.
Dazu kommt die Präsentation: Ein Hund, der sich aufmerksam und ausdrucksvoll zeigt und geschickt vorgeführt wird, kann seine Vorzüge besser zur Geltung bringen als einer, der im Ring lieber schnüffelt. Die Platzierung wird deshalb auch vom Auftreten des Hundes und vom Können des Menschen am anderen Ende der Leine beeinflusst.
Mit ihren Entscheidungen tragen Zuchtrichter dazu bei, welcher Typ als besonders gelungen wahrgenommen wird. Erfolgreiche Hunde werden gezeigt, ihre Bilder verbreitet, und sie können für andere Züchter zum Vorbild werden. Wenn dabei über längere Zeit ähnliche Hunde vorne stehen, prägt das die Vorstellung davon, wie ein Parson aussehen sollte.
Auch Züchter haben eigene Vorlieben für bestimmte Felltypen, Farben oder einen besonderen Ausdruck. Diese fließen in ihre Auswahl ein. So treffen Richterentscheidungen, züchterischer Geschmack und Käuferwünsche aufeinander und können sich gegenseitig verstärken.

AM BEISPIEL DES FELLS
Wie das Fell das Bild der Rasse verändert
Ein Blick auf die Felltypen zeigt, dass sich das Bild der Rasse nicht überall gleich entwickelt hat. Während in Deutschland und anderen Teilen Europas der rauhaarige Typ zunehmend das Erscheinungsbild prägte, war das Verhältnis in der englischen Ursprungszucht lange ein anderes. Als ich mich Ende der 1990er-Jahre intensiver mit der Rasse beschäftigte, waren unter den englischen Hunden glatthaarige Parson deutlich in der Mehrheit. Daneben gab es Hunde mit Broken Coat und auch Rauhaar.
Mit der zunehmenden Verbreitung des rauhaarigen Typs veränderte sich auch die Wahrnehmung. Je häufiger Parson mit Bart und üppigerem Rauhaar gezeigt wurden, desto vertrauter wurde dieser Anblick. Was häufig zu sehen ist, gilt irgendwann als typisch. Der glatthaarige Hund fällt heute dagegen eher auf, obwohl er ebenso selbstverständlich zur Rasse gehört.
Auf Ausstellungen kommt die Vorbereitung hinzu. Broken Coat und Rauhaar können nach sorgfältigem Trimmen sehr ähnlich wirken. Wie viel Fell der Hund ursprünglich mitbringt und wie viel Bearbeitung hinter seinem Erscheinungsbild steckt, ist dann nur begrenzt zu erkennen.
Für die ursprüngliche Arbeit musste das Fell den Hund schützen, durfte ihn dabei aber nicht behindern. Sehr langes und üppiges Fell war dafür wenig geeignet. Rauhaar war keineswegs unerwünscht. Entscheidend waren seine Qualität und seine Funktion. Trimmen gehört beim Rauhaar dazu. Fehlende Unterwolle oder eine ungeeignete Haarstruktur lassen sich dadurch jedoch nicht ausgleichen.
Ich persönlich mag glattes oder broken Fell besonders gern. Das ist meine Vorliebe. Gutes, brauchbares Fell gibt es selbstverständlich auch bei rauhaarigen Hunden. Entscheidend ist, dass bei der Zuchtauswahl seine Funktion erhalten bleibt, auch wenn gerade ein bestimmtes Aussehen besonders gefragt ist.
Ein Blick auf den Foxterrier
Wie weit sich Hundetypen aus einem gemeinsamen Ursprung auseinanderentwickeln können, zeigt der Foxterrier. Er und die Russell-Terrier haben ihre Wurzeln in den britischen Arbeitsterriern. Mit der Entwicklung des Ausstellungswesens wurde beim Foxterrier zunehmend ein einheitliches Erscheinungsbild angestrebt. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich der Ausstellungstyp deutlich von den ursprünglichen Arbeitsterriern entfernt.
Die Sorge vor einer solchen Entwicklung war ein wesentlicher Grund dafür, dass die Anhänger der arbeitenden Russell-Terrier einer Anerkennung durch die großen Zuchtverbände lange ablehnend gegenüberstanden. Sie wollten die Eigenschaften bewahren, die ihre Hunde für die Arbeit brauchten.
Dazu gehörten ein ausreichend schmaler, umspannbarer Brustkorb und ein beweglicher Körper. Ein Hund, der dem Fuchs unter die Erde folgen sollte, musste sich in dessen engen Gängen bewegen können. Auch sein Fell hatte dort einen praktischen Zweck.
Diese Herkunft erklärt vieles am Parson, bis hin zu seiner Selbstständigkeit und seinem beharrlichen Wesen. Dass heute viele dieser Hunde ohne jagdliche Aufgaben leben, lässt ihre ursprünglichen Eigenschaften nicht verschwinden.
ZUCHT UND LANGFRISTIGE ENTWICKLUNG
Zucht muss den ganzen Hund betrachten
Rassen verändern sich durch Zucht. Bestimmte Merkmale werden ausgewählt und über Generationen gefestigt. Schwierig wird es, wenn einzelne Eigenschaften immer stärker betont werden, weil sie gerade als besonders schön oder typisch gelten. Aus einer Vorliebe kann so allmählich eine Übertreibung entstehen, die weder der Funktion noch der Gesundheit einer Rasse dient.
Beim Parson stand lange die Gebrauchsfähigkeit im Mittelpunkt. Körperbau, Wesen und Fell mussten sich an seiner ursprünglichen Aufgabe messen lassen. Diese Orientierung hat nach meiner Überzeugung wesentlich dazu beigetragen, dass der Parson bis heute eine vergleichsweise robuste Rasse geblieben ist.
Diese Robustheit ist jedoch kein Zustand, auf den man sich dauerhaft verlassen kann. Werden äußere Merkmale wie Fell, Größe und Körperbau oder auch bestimmte Wesenseigenschaften über Generationen bevorzugt, beeinflusst das zugleich die Auswahl der Hunde, mit denen weitergezüchtet wird. Auf diese Weise kann sich eine Rasse schleichend verändern, lange bevor die Entwicklung deutlich sichtbar wird.
Gerade deshalb muss Zucht den ganzen Hund im Blick behalten. Gesundheit, Wesen, Körperbau und Gebrauchsfähigkeit gehören zusammen. Züchter versuchen, Stärken zu erhalten, Schwächen auszugleichen und passende Partner zu finden. Auch mit Erfahrung und sorgfältiger Planung bleibt der Ausgang einer Verpaarung nur begrenzt vorhersehbar. Ein bisschen Glück gehört immer dazu.
Wo der Parson in 50 Jahren stehen wird, kann niemand wissen. In den vergangenen Jahren beobachte ich aber auch ein Umdenken. Manche Züchter legen wieder mehr Wert auf funktionales Fell und achten stärker darauf, bei der Größe Maß zu halten. Das sind nur zwei Beispiele. Auch andere Merkmale werden heute bewusster betrachtet als noch vor einigen Jahren. Darüber freue ich mich.